Starke Volksschule

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Hier erscheint wöchentlich der Medienspiegel SG abwechselnd mit dem ZH-Newsletter der Partnerorganisation: Starke Volksschule Zürich www.StarkeVolksschuleZH.ch

Archiv: Medienspiegel

17.3.2019

ZH-Newsletter

Schulreformen – wie eine Tischbombe an einem Kindergeburtstag

Manchmal hat man das Gefühl, mit den Schulreformen ist es wie mit einer Tischbombe an einem Kindergeburtstag: Noch bevor eine Bildungsreform umgesetzt ist, fliegt einem bereits die nächste um die Ohren. Dabei ist auch bei Reformen «nicht alles Gold, was glänzt».

Als Ziel verfolgen vermutlich alle Reformen dasselbe – nämlich eine starke Volksschule. Doch was macht eine starke Volksschule überhaupt aus? Mit einigen gesellschaftlich-politische Antworten lassen wir Sie in unsere Lektüre einsteigen.

Das Geheimnis eines guten Unterrichts

Mit abgeschnittener Krawatte zu referieren ist sicher ein Blickfang. Für Carl Bossard ist es aber ein Symbol für das Zurückstutzen der Tradition als Stütze der Schule. Während die Digitalisierung auch vor den Schulen nicht Halt macht, mag man sich zu Recht fragen, ob und in welchem Umfang die Lehrpersonen da noch Relevanz haben. Eines steht fest: Sowohl Lehrpersonen als auch Kinder sind und bleiben analog – und so auch das Lernen. Das Zusammenspiel beider Seiten bringt uns näher zum Geheimnis Bossards über einen guten Unterricht.

Kritik auf Bundesebene gegen umstrittene Lernmethode

Kinder zu fördern klingt edel. Doch müssen Zeitpunkt und Mass berücksichtigt werden, will man Kinder nicht überfordern. Auf verschiedene Zeitungsartikel zum Thema zeigen Leserbriefe-Verfasser Fehlmeinungen auf, bringen Lösungsansätze und geben Denkanstösse.

Nachdem zwei Kantone die Lernmethode «Schreiben nach Gehör» aus ihren Lehrmitteln verbannt haben, macht sich nun auch im Bundeshaus Kritik laut. Im Nationalrat wird mittels Vorstosses dafür plädiert, die umstrittene Lernmethode landesweit zu verbieten. Das Ganze erhält eine scharfe Brisanz, da aktuell in der Wirtschaft geklagt wird, dass viele Lernende bei Lehreintritt – pointiert formuliert – nicht mehr richtig lesen, rechnen und schreiben können.

Nächster Vortrag mit Diskussion im April

Die gute Nachricht: Es wird immer mehr hingeschaut, nach Lösungen gesucht und diskutiert. Diskutieren auch Sie mit! Am 12. April mit Professor Mario Andreotti zum Thema «Nicht Schulreform, sondern Totalumbau». Alle Infos finden Sie am Ende der Lektüre.

Nun wünsche ich Ihnen viel Inspiration beim Lesen.

Timotheus Bruderer, Präsident des Vereins «Starke Volksschule Zürich»

 

Inhalt

  • Schulreformen – wie eine Tischbombe an einem Kindergeburtstag
  • Das Lernen der Kinder ins Zentrum stellen
  • Was macht eine starke Volksschule aus?
  • Zwischen Sozialität und Individualisierung
  • Schule im starren Korsett
  • Kindern genügend Zeit Einräumen
  • Frühförderung von Kindern – aber wie?
  • «Eine Odyssee für die Kinder»
  • Kampf gegen Schlechtschreiben: SVP-Nationalrat will «Schreiben nach Gehör» schweizweit verbieten
  • Pädagogik-Professorin: «Schreiben ist für Kinder anstrengend»
    Teilrückzieher der PH
  • Einspruch! 2
  • Veranstaltungshinweise
    Autismus – eine Diagnose mit vielen Facetten
    Nicht Schulreform, sondern Totalumbau
    4.5.2019: Time for Change? – Teil II: Im Hamsterrad
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10.3.2019

«Echter und nachhaltiger Erfolg und innere Zufriedenheit sind das Ergebnis eines längerfristigen und anstrengenden Prozesses, gebunden ans eigene Bemühen. Als Erwachsene unterstützen wir die Kinder dabei und zeigen ihnen altersgemäss und einfühlend den Weg.» (Dr. Eliane Perret, Heilpädagogin und Psychologin, Zeit-Fragen, 26. Februar 2019)

Einen schönen Sonntag, liebe Leserinnen und Leser

Was bei all den Reformwirren der letzten Jahrzehnte zu kurz gekommen ist, das ist der Bildungsaspekt, der sich zwischen den Erwachsenen und Kindern abspielt.

Worin besteht das Geheimnis guten Unterrichts? Dr. Carl Bossard: „Klare Ziele, strukturierte Lernumgebungen, Übungsphasen, gezieltes und lernförderliches Feedback sowie eine intensive Lehrer-Schüler-Beziehung. Er bedaure, dass die bildungspolitische Diskussion bei organisatorischen und strukturellen Fragen wie beispielsweise altersdurchmischtem Lernen ansetze, wo doch die Effektivität für das Lernen der Kinder ganz zentral vom Zusammenspiel, der Interaktion zwischen Lehrperson und Schüler abhänge.“ (Das Lernen der Kinder ins Zentrum stellen)

„Ebenso braucht es aufgeklärte und wachsame Eltern, die vor allem ihren im Primarschulalter stehenden Kindern glaubwürdige Vorbilder sind im Umgang mit digitalen Technologien, indem sie sich mit ihren Kindern bewusst auseinandersetzen, anstatt häufig selber mit dem eigenen Smartphone beschäftigt zu sein.“ (Glaubwürdige Vorbilder im Digitalen sein)

„Wenn wir als Eltern unseren Kindern die Schönheit des Unscheinbaren aufzeigen können, dann reicht vielleicht bereits urbanes Alltagsgrün aus, um Kinderseelen fröhlich zu stimmen. Diesen Pflanzen begegnen wir dann wie Freunden. Kleine Glücksmomente der Zugehörigkeit.“ (Kinder gehören in die Natur)

„Seit zehn Jahren liegt John Hatties Studie „Visible Learning“ vor. Die Ergebnisse sind eindeutig: Gründlicher Unterricht ist zielführender als pädagogische Experimente. Zeit, daraus Konsequenzen zu ziehen, meint Pädagoge Michael Felten.“ (Die Bildungsvisionen halten der Wirklichkeit nicht stand)

Neben diesen wunderbaren Beiträgen zu den Grundlagen moderner Pädagogik und Didaktik gibt es auch Artikel über die ewigen Baustellen der Reformer:

– Aargauer Regierung verbietet umstrittenes Lehrmittel – Rechtschreibregeln wieder wichtig
– Warum es eine Ausländerquote braucht
– St.Galler Bildungsdirektor auf dem Holzweg: SP-Kantonsrat verärgert wegen Debatte um Sprachheilschulen
– Der Kanton soll sich nicht als Medienhaus aufspielen: Schulblatt des Kantons St.Gallen gerät unter Druck

Wir wünschen Ihnen eine gute Woche mit Ihren Kindern zu Hause und in der Schule.

Freundliche Grüsse

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 10_19


24.2.2019

Die Bertelsmann-Chefs Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt schreiben, die Software «Knewton durchleuchtet jeden, der das Lernprogramm nutzt. Die Software beobachtet und speichert minutiös, was, wie und in welchem Tempo ein Schüler lernt. Jede Reaktion des Nutzers, jeder Mausklick und jeder Tastenanschlag, jede richtige und jede falsche Antwort, jeder Seitenaufruf und jeder Abbruch wird erfasst.» (DRÄGER/EISELT 2015: Die digitale Bildungsrevolution: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können, Gütersloh)

Über 30 % der St.Galler sagen Nein zur digitalen Bildungsoffensive!

Trotz aller alternativlosen Propaganda für diesen Schildbürgerstreich haben doch fast ein Drittel aller Stimmbürgerinnen und Stimmbürger einen klaren Kopf bewahrt. In der Abstimmungszeit gab es – ausser 5 bis 6 hervorragenden Leserbriefen und der dezidierten Stellungnahme von Starke Volksschule SG – überhaupt keinen öffentlichen Anlass zu einer Diskussion um die Abstimmungsvorlage zu den 75 Mio. verschenkten Steuergeldern, in der nicht einmal spezifiziert wird, wozu die Summe ausgegeben werden soll – den St.Galler IT-Kuchen freut’s, die zukünftig Leidtragenden weniger.

Wir wünschen dem freiheitlichen Denken in unserem Kanton weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen gegen die feindlichen Übernahmegelüste durch die IT-Industrie. Unser Leben findet immer noch analog statt und wir wollen auch unsere Kinder nicht zu Robotern erziehen.

Wie es herauskommt, wenn wir diesen Mächten das Ruder überlassen, schildern Peter Hensinger sehr eindrücklich im Vortrag: Über den Irrweg einer digitalen Bildung oder Mathilde Ramadier über ihre Erfahrungen als digitale Nomadin: Digitale Arbeitswelt – Coolness vertuscht bloss die prekären Arbeitsverhältnisse. In diesem Sinne warnt auch Regula Weik im Tagblatt zurecht: St.Galler IT-Bildungsoffensive: Kein Freibrief für schicke Möchtegern-Projekte.

Ansonsten können wir eine ganze Reihe sauberer Analysen und optimistischer Ansätze präsentieren: von Prof. Mario Andreotti zur Bedeutung eines guten Geschichtsunterrichtes und von Bildungsexperte Carl Bossard zur Frage des Wissens in den Schulen ebenso wie von Professor Beat Kappeler der Aufruf zur Organisationsentwicklung von innen statt von aussen.

Zuerst aber können wir Sie informieren über den neuen Schulblog von Alain Pichard: Gegner der Schulreformen formieren sich und den neuen Vorstand der Gesellschaft für Bildung und Wissen. Wir wünschen viel Erfolg!

Und last but not least: abschliessende Hinweise auf unseren guten alten Schulblog von Urs Kalberer sowie Veranstaltungen der Kinderärzte (am 27. März 2019 ist die nächste) und den Einspruch 2! Wenn Sie ihn noch nicht gekauft und weiterverschenkt haben und wenn Sie ihn noch nicht gelesen haben, wäre es jetzt an der Zeit.

Trotz Frühlingserwachen sollten Sie sich auch etwas Zeit nehmen, um sich wenigstens digital über die aktuelle Schulpolitik „upzudaten“.

Einen schönen Sonntag wünscht

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 8_19


Newsletter vom 17.2.2019

Welche Schule für unsere Kinder?

Dieser essentiellen Frage stellen wir uns auch in diesem Newsletter von neuem. Anita Borer beantwortet sie im Zürcher Oberländer ebenso wie die Referenten und das Publikum an der gut besuchten Podiumsdiskussion des Vereins «Starke Volksschule Zürich» oder wie die vielen Verfasser guter Leserbriefe: Die Lehrer sollen ihren Klassen das Grundlagenwissen und die notwendigen Fertigkeiten vermitteln; die Kinder brauchen keine digitalisierten Einzelkojen in teuren Lernlandschaften, sondern eine Lehrerin, die ihre Freude am Lernen weckt und ihnen den Mut gibt, sich wieder aufzurappeln, wenn etwas schief geht.

Schreiben nach Gehör oder gleich richtig? So die nächste Frage. Dass unkorrigiertes Drauflosschreiben «Freude und Motivation beim Lernen» fördere, wird durch häufige Wiederholung nicht weniger falsch. Erfunden wurde diese Fehlinformation jedenfalls nicht von der zitierten Primarschulpflege, sondern sie stammt von «ganz oben» (EDK, PHs). Umso schlimmer für unsere lerneifrigen Primarschüler, die ohne die unverzichtbaren Lehrerkorrekturen im Stich gelassen werden und schlimmstenfalls noch als Erwachsene unsicher sein werden beim Schreiben.

Geradezu unsozial ist die Forderung, fremdsprachige Eltern hätten dafür zu sorgen, dass ihre vierjährigen Kinder beim Eintritt in den Kindergarten deutsch / schweizerdeutsch verstehen und sprechen. Es schläckt’s kä Geiss weg: Die Volksschule hat die Verantwortung für eine möglichst hohe Chancengleichheit für alle Kinder – diese Verantwortung darf sie nicht auf die Eltern abschieben. In elf Jahren könnte jedes Kind deutsch reden, schreiben und lesen lernen, aber das funktioniert halt nicht mit kompetenzorientiertem und selbstorganisiertem Tun in altersdurchmischten Grossklassen.

Auch der «Heilpädagoge light» bleibt Flickwerk, wie die echten Experten, die erfahrenen Lehrkräfte nämlich, in ihren Kommentaren festhalten: Damit wird das untaugliche Inklusionskonstrukt nicht tauglicher. Zurück auf Feld 1, verlangen sie, zu den Kleinklassen, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten sind, und zum Klassenunterricht.

Nach diesem Rundgang durch das Dickicht fragwürdiger Schulreformen und unbrauchbarer Notmassnahmen gelangen wir schliesslich zum Ausgangspunkt unseres Newsletters. «Orientierung kommt aus dem Ganzen» schreibt Carl Bossard; schon Aristoteles habe gewusst, dass das Ganze mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Vielleicht sollten die praxisfernen Reformer Aristoteles lesen? Oder sonst etwas Vernünftiges?

Wir wünschen unterhaltsame Lektüre!

Für das Redaktionsteam

Marianne Wüthrich

Inhalt

  • Welche Schule für unsere Kinder?
  • Orientierung kommt aus dem Ganzen
  • Schule mit Zukunft – was braucht es?
  • Vil schbas baim korigiren!
  • Anita Borer befürchtet negative Aspekte von «Schreiben nach Gehör»
  • Sprechen Kindergärtler schlecht Deutsch, sollen die Eltern zahlen
  • Podiumsveranstaltung des Vereins «Starke Volksschule Zürich»
  • «Konstante Bezugspersonen»
    Von der offenen Vision zum praxisfernen Dogma
  • Interview mit Silvia Steiner
  • Einspruch! 2
  • Veranstaltungshinweise
    Das Lernen der Kinder ins Zentrum stellen
    Autismus – eine Diagnose mit vielen Facetten
    4.5.2019: Time for Change? – Teil II: Im Hamsterrad

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10.2.2019

«Lehrerinnen und Lehrer sind zu Arbeitern einer hybriden Bildungsindustrie geworden. 50-Stunden-Wochen und Fließbandarbeit am Schreibtisch bestimmen den Berufsalltag vieler Kolleginnen und Kollegen – vor allem an Gymnasien. Die fortschreitende Digitalisierung, die Test- und Evaluationseuphorie und die Kompetenzorientierung der Neuen Lernkultur, wie sie Christoph Türcke in seinem Buch „Lehrerdämmerung“ nennt, haben innerhalb von knapp fünfzehn Jahren ein ganzes Berufsfeld industrialisiert und die Schule in eine Lernfabrik verwandelt.» (Nils Björn Schulz, Frankfurter Rundschau, 13.1.2019)

Liebe Leserinnen und Leser

Die Spatzen pfeifen es längst von den Dächern: „Die Bildungspolitik ist auf dem Holzweg.“
Die Schule ist in den letzten drei Jahrzehnten in eine Grossbaustelle – in eine Lernfabrik verwandelt worden.

Dabei ist uns allen klar, wie einige Titel des aktuellen Medienspiegels treffend charakterisieren:
−     „Schulkinder brauchen vor allem Beziehungen“
−     „In Schulen muss wirkliche Bildung vermittelt werden“
−     „Selbsttätiges Lernen ist Betrug“
−     „Kinder brauchen Verständnis, nicht Ritalin“

Ansatzweise werden auf dieser Grossbaustelle frühere Fehlentscheide kritisiert oder gar korrigiert:
−     Fehlentscheid HarmoS: „Kinder werden unreif eingeschult“
−     Fehlentscheid Integration: Die Integrationsromantik ist in Zürich offensichtlich nicht zu stemmen.
−     Fehlentscheid Digitalisierung: „Digitale Technologie: Für Kinder gefährlich“
−     Fehlentscheid Stellwerktest: Luzerner Lehrer wehren sich gegen Ranking durch Stellwerktest.

Für viele betroffene Eltern heisst es nun: Wie sollen wir unsere Kinder auf diesen industriellen Grossbaustellen heil über die obligatorische Schulzeit retten? Die vertiefte Auseinandersetzung um eine gute Volksschule ist dringend angesagt. Die erfolgreichen Veranstaltungen von den Starken Volksschulen SG und ZH sind ein guter Anfang.

Einen schönen Sonntag mit erhellender Lektüre wünscht

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 6_19


3.2.2019

Geschätzte St.Gallerinnen und St.Galler

Unsere Classe politique hat mit und im Sinne der IT-Industrie den Bluff fertiggebracht, dass viele gegen Osten schielen, wie die Abstimmung über die IT-Offensive bei uns ausgehen werde. Was für einen Ruf uns dieser Schildbürgerstreich in Zukunft wirklich bringen wird, ist sehr zweifelhaft.
Der aktuelle Newsletter berichtet davon. Er bringt zwei gute Leserbriefe aus dem Tagblatt dazu und einen Bericht über unsere Veranstaltung mit Herrn Prof. Andreotti, der erschienen ist unter dem Titel: Vorlage Bildungsoffensive: „Nicht alles ist Förderung der Bildung“.
Es lohnt sich die Einführung in den Newsletter von Herrn Amstutz zu lesen. Was er sagt gilt auch für uns.

Wir wünschen einen schönen Sonntag

Freundliche Grüsse

Starke Volksschule SG

 

Newsletter vom 3.2.2019

Schulreformen kommen, Dauerbaustellen bleiben

Wer geglaubt hat, mit der Einführung des neuen Lehrplans würden die Forderungen nach Strukturreformen der Volksschule verstummen, sieht sich getäuscht. Der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) richtet das nächste Reformmenu gleich mit ganz grosser Kelle an. Im Bericht des SWR wird eine grundlegende Strukturänderung der Volksschule durch Auflösung der Jahrgangsklassen und einem radikalen Umbau der Oberstufe postuliert. Von dieser einschneidenden Reform verspricht man sich mehr Chancengerechtigkeit für Jugendliche aus bildungsfernen Familien. Eine andere grosse Reformbewegung sieht das Heil in der frühen Digitalisierung, damit massgeschneidertes Lernen mit individuellen Zielsetzungen organisatorisch besser bewältigt werden kann. Der Kanton St. Gallen will in dieser zentralen Frage eine Pionierrolle übernehmen und kündigt an, die Schule von innen her gründlich umzugestalten.

Bei beiden Reformprojekten werden hohe Erwartungen geweckt. Doch sicher ist nur, dass sie sehr viel kosten und die Lehrerrolle grundlegend verändern werden. Offensichtlich scheint der Glaube an eine wirkungsvolle Steuerung der Bildung durch Strukturreformen und wegweisende Lernprogramme trotz gegenteiliger Beweise unerschütterlich zu sein. In unserem Leitartikel führt uns Carl Bossard eindrücklich vor Augen, weshalb nicht die geplanten Reformen, sondern starke Lehrerpersönlichkeiten die Qualität einer Schule ausmachen. In die gleiche Richtung zielt Professor Mario Andreotti, der in einem Vortrag in Wil die Bedeutung einer lebendigen Klassengemeinschaft und die entwicklungspsychologische Seite des Lernens hervorgehoben hat.

Während aktuell wieder die Rede von grossen Würfen in der Bildung ist, herrscht noch immer grosse Ratlosigkeit bei der störendsten Dauerbaustelle der Volksschule. Es geht um die schulische Betreuung von verhaltensauffälligen Kindern in den Regelklassen. Neu sollen Klassenlehrpersonen das gescheiterte Sonderpädagogische Konzept retten, indem sie zu „Heilpädagogen light“ ausgebildet werden. Sie sollen jetzt die leichteren Therapiefälle übernehmen. Statt den Ursachen auf den Grund zu gehen, weshalb denn so viele Kinder heute Stütz- und Therapiemassnahmen benötigen, wird einfach den Klassenlehrpersonen eine weitere Bürde auferlegt.

Es sind praxisferne Bildungsdogmen, welche aus der grossartigen Vision der Chancengleichheit das Sonderpädagogische Konzept zum engen Korsett gemacht haben. Ein erheblicher Teil der Therapiefälle ist hausgemacht. Alle Schüler müssen schon in der Primarschule drei Sprachen lernen, auch wenn sie damit überfordert sind. Alle Schüler müssen die Regelklassen besuchen, auch wenn sie in einer Kleinklasse eine weit bessere Betreuung erhalten würden. Alle Schüler müssen in jedem Fach die breit gefächerten Grundanforderungen erreichen, auch wenn sie mit einer Konzentration aufs Wesentliche mehr Erfolg beim Lernen hätten. Und alle Schüler sollen schon früh ihr Lernen selbständig organisieren und souverän den Wochenplan erfüllen. Dass bei all diesen Anforderungen vor allem Knaben scheitern, scheint die Bildungsverantwortlichen kaum stutzig zu machen.

Wir dürfen es nicht länger hinnehmen, dass kompetente Heilpädagoginnen nur noch von Zimmer zu Zimmer eilen, um pädagogische Feuerwehr zu spielen. Wer durch krankmachende Bildungskonzepte immer neue Brände entfacht, muss sich nicht wundern, wenn zu viele Lehrerinnen und Lehrer aus dem Schuldienst aussteigen. In unserem dritten Themenblock finden Sie ausführliche Beiträge zu den umstrittenen Plänen in der Sonderpädagogik.

Wie immer runden Leserzuschriften und Hinweise auf bildungspolitische Veranstaltungen unseren Newsletter ab. Wählen Sie einfach aus und geniessen Sie in Musse unser spannendes Magazin!

Für die Starke Volksschule Zürich

Hanspeter Amstutz

Inhalt

  • Schulreformen kommen, Dauerbaustellen bleiben
  • Schulqualität resultiert aus dem Unsichtbaren
  • Podiumsveranstaltung des Vereins «Starke Volksschule Zürich»
  • Vorlage Bildungsoffensive: „Nicht alles ist Förderung der Bildung“
  • Lehrer sollen sich mehr um Problemschüler kümmern
  • Nun kommt der «Heilpädagoge light»
  • Weniger Unruhe in den Klassenzimmern
  • Griff in die Ideologien-Kiste
  • Sie digitalisieren das Klassenzimmer
  • Nein zur IT-Bildungsoffensive
  • Informationstechnologie einsetzen, aber mit Bedacht
  • Einspruch! 2
  • Veranstaltungshinweise
    Das Lernen der Kinder ins Zentrum stellen
    Autismus – eine Diagnose mit vielen Facetten
    4.5.2019: Time for Change? – Teil II: Im Hamsterrad

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27.1.2019

«Der beste Start ins digitale Zeitalter findet ohne Computer statt.» (Prof. Dr. Gerald Lembke, Deutscher Bundestag, Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, 17.10.2018)

Liebe Leserinnen und Leser

Die Hoffnung keimt, dass es doch noch eine Debatte über die 75 Millionen teure IT-Bildungsoffensive im Kanton St.Gallen gibt. Die Ostschweiz am Sonntag greift die Thematik heute auf: Die Debatte über das digitale Klassenzimmer steht am Anfang. Sie warnt auch vor Enttäuschten Hoffnungen. Dazu ein Hintergrundartikel aus Zeit-Fragen: Mit der Digitalisierung die gewachsenen Strukturen sprengen?

Wer sich allerdings in den letzten drei Jahren mit uns intensiv mit der Problematik der Digitalisierung in der Schule auseinandergesetzt hat, weiss es: Die IT-Offensive hat mit Bildung nichts zu tun, sie ist für Kinder unsinnig und schädlich. (s. unsere Stellungnahme: Nein zur IT-Offensive)

Das wissen in der Zwischenzeit schon viele, die sich ernsthaft mit der Digitalisierung befassen, Prof. Dr. Gerald Lembke beispielsweise. Er referierte vor dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages und ist klar der Ansicht: Digitale Medien gehören nicht in die Grundschule. Seine Gedanken werden in Deutschland aktuell intensiv diskutiert. Wer gerne Filme anschaut, kann einen Vortrag und ein Interview von ihm sehen.

Jetzt ist es an uns mitzureden, wie Frau Fässler das in ihrem Leserbrief zum Ausdruck bringt: Auf warnende Stimmen bei der Digitalisierung hören.

Schliesslich noch zwei Artikel zu Themen, die für Informierte auch nicht allzu neu sind: Miserabel: Studenten schimpfen über ihre Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule und Ist der Intelligenzquotient ein pseudowissenschaftlicher Schwindel?

Dann informieren wir sie über kommende, auch neue interessante Veranstaltungen und weisen nochmals auf den lesenswerten neuen Einspruch hin.

Wenn Sie sich aber an diesem schönen Sonntagabend als Lehrerin / Lehrer oder als Mutter / Vater etwas Gutes zur Aufmunterung gönnen möchten, lesen Sie doch den Artikel von Dr. Carl Bossard: Wenn es im Klassenzimmer knistert.

Wir wünschen eine erfolgreiche Woche und all den Glücklichen, die Ferien haben, eine gute Erholung.

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 4_19


ZH-Newsletter vom 20.1.2019

Chancen und Förderung für alle Kinder!

Der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) beklagt die mangelhafte Chancengleichheit unseres Bildungssystems, und er hat gleich ein Patentrezept dagegen: Die Selektion müsse nach oben verschoben werden, auf den Übertritt zur neunten Klasse. Andere Stimmen fordern eine bessere Begabtenförderung, so der LCH, der, verpackt in den LP 21, ein Angebot «für beide Enden des Begabungspotenzialspektrums» fordert – dieses grässliche Wortkonstrukt muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Wo war der SWR, als die gravierenden Mängel des Lehrplan 21 auf den Tisch gelegt wurden? «Das hehre Gremium würde sich gescheiter mit dem Lehrplan 21 befassen», so schreibt Hans-Peter Köhli zu Recht in seinem Leserbrief in der Weltwoche. Dasselbe gilt für den LCH. Wir Kritiker, viele darunter erfahrene Pädagogen, warnen seit Jahren: Mit dem sogenannt selbstorganisierten Lernen anstelle der sorgfältigen Einführung und des strukturierten Aufbaus des Lernstoffs durch den Lehrer werden zahlreiche Kinder, gerade auch die fremdsprachigen, durch die Maschen fallen. Denn wer zu Hause niemanden hat, der ihm den Stoff erklären und mit ihm üben kann, wird immer mehr zurückfallen. Die Folge, so Carl Bossard: «Die Schere im Bildungsmilieu öffnet sich weiter.»

Das ist die haarsträubende soziale Ungerechtigkeit im heutigen Bildungswesen: Weit entfernt davon, zur Ausgleichung der sozialen Unterschiede beizutragen, werden diese durch die heutige Volksschule multipliziert. Klar war das Bildungssystem nie völlig gerecht, aber in meiner eigenen Schulzeit haben praktisch alle Kinder lesen, schreiben und rechnen gelernt, und nicht wenige ehemalige Oberschüler sind später Chefsekretärin oder Abteilungsleiter geworden. Weil alle die nötigen Grundlagen aus der Schule mitgebracht haben, hatten sie ihre Chancen im Leben – nutzen musste sie jeder selbst.

Geradezu arrogant ist deshalb auch die hauptsächliche Fixierung des SWR auf Gymnasium und Hochschule zur Sanierung sozialer Ungerechtigkeit im Bildungswesen. Die Schweiz hat ein hervorragendes duales Berufsbildungssystem, dank dem fast alle Schulabgänger eine Ausbildung machen können und das infolge seiner Durchlässigkeit vielfältige Weiter­bildungen, auch auf Hochschulebene, ermöglicht. Im Gegensatz zu Ländern mit hoher Maturaquote haben wir deshalb auch die geringste Jugendarbeitslosigkeit, was für die ein­zelnen jungen Menschen, nicht nur aus ökonomischen Gründen, von enormer Bedeutung ist.

Um auf die anfangs genannte abstruse Idee des SWR zurückzukommen: Mit der Verschiebung der Selektion nach oben ist nichts getan. Damit sind wir bei einer weiteren schreienden Ungerechtigkeit der heutigen Volksschule: der Inklusion sämtlicher Kinder ins gleiche Schulzimmer, verbunden mit einem Heer von Sonderpädagogen und anderen Zusatzkräften. Viele Kinder sind früher in Kleinklassen, die auf ihre persönliche Situation zugeschnitten waren, so gut gefördert worden, dass sie den Anschluss an die Regelklasse wieder gefunden haben. Heute sitzen die einen entmutigt und abgehängt in einer bunten Gesellschaft, die man nicht «Klasse» nennen kann, sondern eher eine Ansammlung von Einzelkojen. Andere kommen dagegen nicht so voran, wie sie eigentlich könnten, wenn der Lehrer – neben seinen zahlreichen administrativen Aufgaben, die ihm von oben aufgebrummt werden – Zeit dafür finden würde, mit ihnen gezielt und in Ruhe zu lernen.

Kinder brauchen in der Schule keinen Coach (siehe das Interview mit Allan Guggenbühl) und auch kein Tablet (siehe «Keine Smartphones und Tablets: Was Kinder wirklich brauchen» von Mario Andreotti). Was an erster Stelle stehen muss, sind echte, vertrauenswürdige Beziehungspersonen, die sich für jedes Kind interessieren und es dort fördern, wo es seine Stärken hat, aber auch dort, wo es noch unsicher ist. Jedes Kind hat das Recht, gefördert zu werden, nicht nur die «Begabten». Im Gegenteil: Leistungsstarke Kinder – das wissen viele von uns aus eigener Erfahrung – werden immer Gelegenheiten finden oder erfragen, um den Problemen auf den Grund zu gehen und voranzukommen.
Unser Redaktionsteam wünscht Ihnen eine anregende Lektüre.

Marianne Wüthrich

Inhalt

  • Chancen und Förderung für alle Kinder!
  • «Kinder werden überfördert»
  • Wenn es im Klassenzimmer knistert
  • Das Bildungssystem bleibt ungerecht
  • Soziale Selektivität
  • «Das Bildungssystem bleibt ungerecht»
  • Bewertungsmanie im Schulsystem
  • Nicht bedachte Nebenwirkungen
  • Nivellierung nach unten
  • Sammlung von Schnapsideen
  • Fördern ja – aber die Richtigen
  • Förderung von Begabungspotenzialen als Grundauftrag aller Schulstufen
  • Keine Smartphones und Tablets: Was Kinder wirklich brauchen
  • Einspruch! 2
  • Veranstaltungshinweise
    25.1.2019: Bildungspolitik auf dem Holzweg?
    30.1.2019: Selbsttätiges Lernen, Lernateliers:
    4.5.2019: Time for Change? – Teil II: Im Hamsterrad
    Öffentliche Vorträge zum Thema Pädiatrie, Schule & Gesellschaft 2019
Zum Newsletter

13.1.2019

«Statt Kindergärten und Primarschulen mit Smartphones und Tablets hochzurüsten, sollten wir Kindern wieder Zeit und Raum für ihre altersgerechte Entwicklung mit altersgemässen Lehrmitteln einräumen. Kindergärten und Primarschulen, vor allem in der Unterstufe, brauchen Spielzeugkästen, Pinsel und Farben, Bleistifte und Papier, Rhythmus- und Klanginstrumente, Spielzimmer und grosse Pausenhöfe, Zeit zum Zuhören und Erzählen, zum Singen, Malen und Spielen – keine Smartphones und Tablets.» (Keine Smartphones und Tablets – Was Kinder wirklich brauchen, Mario Andreotti, az, 8.1.2019)

Liebe Leserinnen und Leser

Uns beschäftigt aktuell natürlich an erster Stelle die Abstimmung vom 10. Februar 2019 zur IT-Bildungsoffensive der St.Galler Classe Politique. (Offensive: Welch absurder Kriegsjargon, wenn es um die Ausbildung unserer Jugend geht!)

Glücklicherweise nimmt Prof. Mario Andreotti in seinem Artikel Was Kinder wirklich brauchen klar dazu Stellung. So dürfen wir auch gespannt sein auf seinen Vortrag in Wil am 25. dieses Monats: Bildungspolitik auf dem Holzweg?

Herr Andreotti befindet sich mit seinen Ansichten in bester Gesellschaft, wie 20Minuten in dem Artikel berichtet: Schaden Schulen Kindern mit neuen Medien? Von den Pionieren des Silicon Valley bis zu Schweizer Schulverantwortlichen ist man sich darüber immer mehr im Klaren: Frühkindlicher Medienkonsum ist schädlich. Im Deutschlandfunk berichtet der Zukunftsforscher, Matthias Horx: Der anti-digitale Gegentrend ist im vollen Gange. Und er prophezeit: Die Rückkehr des Analogen.

St.Gallens Mister Digitalisierung steht stellvertretend für die Nutzniesser der IT-Bildungsoffensive, welche in den Startlöchern bereit sind, mit diesen grosszügigen Steuergeldern ihr Einkommen aufzubessern. Vermutlich spekulieren auch die Gossauer Verantwortlichen schon auf den Geldsegen aus den 75 Millionen, wenn sie Whatsapp, private Informatikgeräte wie Laptops, Netbooks, Tablets oder Smartphones im Schulalltag propagieren. Sie könnten dann mit ihren Kindern zum ersten digitalen Versuchslabor der St.Galler Volksschule werden.

Wie der Erziehungsdirektor und seine Crew die Abstimmungskampagne in Stadt und Land führen, wird in den Artikeln im Tagblatt Informatik als Allheilmittel – Grosse Hoffnungen im Kanton St.Gallen und im Kirchberger Gmeindsblatt: Soziale Fähigkeiten im Rahmen der Digitalisierung verraten. Dazu Der letzte Schrei der Schildbürger.

Gut, rückt uns dann Dr. Carl Bossard wieder den Kopf zurecht mit einem gehaltvollen Artikel: Flexibel werden in einer dynamischen Welt.

Viel zu diskutieren gab in den letzten Wochen die Publikation des Schweizerischen Wissenschaftsrats. Das Bildungssystem bleibt ungerecht, titelt die NZZ und prompt ordnen eine pointierte Leserbriefschreiberin und Felix Schmutz dieses Traktat im Rahmen der aktuellen Umwälzung von Schule und Unterricht ein: Blüht uns schon die nächste Schulreform? Wir sind diesen stillen Schaffern immer dankbar, dass sie keine Zeit und Mühe scheuen, unser Denken und Empfinden zu erden. So kommentiert auch die Weltwoche diese Publikation kritisch: Nivellierung nach unten.

Last but not least haben die Eltern das Wort. Sie werden in Zukunft vermehrt reden, schreiben und debattieren, weil es nun ans Eingemachte geht. Es ist nämlich so: Der «Lehrplan 21» ist ein zweifelhaftes Erziehungsprojekt mit ethisch fragwürdigen Werten. Deshalb sind die Erfahrungsberichte der Eltern von grosser Bedeutung.

So endet das heutige Potpourri mit einer Einlage zum Nachfolger von Remo Largo. Der Pädiater und Entwicklungsspezialist Oskar Jenni findet es gut, wenn jedes Kind anders ist. Eltern rät er zu Gelassenheit. Die modernen Theorien zur frühen Entwicklung werden uns in Zukunft sicher noch weiter beschäftigen, je origineller das Verhalten der Kinder beim Schuleintritt wird.

Wenn es draussen stürmt, regnet und schneit, ist sicher Gelegenheit zu vertiefter Lektüre. An Stoff jedenfalls mangelt es nicht.

Einen schönen Sonntag und freundliche Grüsse

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 2_19


6.1.2019

Newsletter ZH vom 6.1.2019

Wird die Digitalisierung des Unterrichts die hohen Erwartungen erfüllen?

Eigentlich sind die Ergebnisse der neusten Hattie-Studie zum digitalisierten Unterricht für pädagogisch innovative Lehrerinnen und Lehrer keine Überraschung. Hatties Auswertungen bedeutender Studien zu digitalisierten Lernmethoden zeigen, dass nur bei sehr kompetenten Lehrpersonen ein ergänzender digitaler Unterricht einige Fortschritte bringt.

Die Erwartungen an die Effizienz des computerbasierten Lernens sind oft masslos. Rascher Lernerfolg wird mit Ungeduld angestrebt. Dies gilt vor allem für die Primarstufe, wo zurzeit an manchen Schulen viel in den digitalen Unterricht investiert wird. Eigentlich muss man sich ja nicht wundern, dass dies so ist. Den Eltern wurde angekündigt, dass künftig für jedes Kind massgeschneiderte Lernprogramme zur Verfügung ständen. Doch dafür benötige man eine grundlegende Digitalisierung des Unterrichts.

Es ist gut, dass es einen John Hattie mit seinen überzeugenden Analysen gibt. Wie lange geht es noch, bis auch die Politik merkt, dass das an Computerprogramme delegierte Basislernen bei den meisten Schülern mehr Schaden als Nutzen anrichtet? Tolle Bildungsprogramme aufstellen ist das eine, aber wir müssen diese auch auf überzeugende Art umsetzen können. Ohne gutes Lehrpersonal steht die Schule auch mit noch so vielen Computern auf verlorenem Posten.

Wir müssen uns gründlich überlegen, wo wir künftig in der Pädagogik die finanziellen Mittel einsetzen wollen. Für die Lehrerbildung? Für die Begleitung der Berufseinsteigenden? Für kleinere Klassen? für die Grundausrüstung der Schulzimmer? Für beste Lehrmittel? Für gute Lehrerlöhne?

Der Schwerpunkt unseres Newsletters zum Jahresbeginn ist die Digitalisierung. Diese wird die Volksschule in den kommenden Jahren vor gewaltige Herausforderungen stellen. Wir haben uns bemüht, die Bedeutung dieser Neuerung von verschiedenen Seiten her zu beleuchten.

Als Einstieg ins Thema kann ich Ihnen den Startbeitrag von Carl Bossard wärmstens empfehlen. Der erfahrene Pädagoge versteht es, in konzentrierter Form ganz Wesentliches über menschliches Lernen zu vermitteln. Die Lektüre ist ein Genuss.

Wenn Sie weiterlesen, werden Sie weitere Textperlen und spannende Berichte zu den aktuellen pädagogischen Fragen finden.

Wir wünschen Ihnen ein gutes neues Jahr.

Für die Redaktion «Starke Volksschule Zürich»

Hanspeter Amstutz

Inhalt

  • Wird die Digitalisierung des Unterrichts die hohen Erwartungen erfüllen?
  • Kampf um die Köpfe im Klassenzimmer
  • Wer nichts weiss, kann nicht mal richtig googeln
  • Schaden Schulen Kindern mit neuen Medien?
  • Analyse: Digitale Medien verbessern Unterricht nicht immer
  • Die Rückkehr des Analogen
  • Dürfen Kinder fehlerhaft schreiben?
  • Lehrkräfte im Korsett der Lehrmittel
  • Einspruch! 2
    Editorial
    Inhalt
  • Veranstaltungshinweise
    25.1.2019: Bildungspolitik auf dem Holzweg?
    30.1.2019: Selbsttätiges Lernen, Lernateliers:
    4.5.2019: Time for Change? – Teil II: Im Hamsterrad
    Öffentliche Vorträge zum Thema Pädiatrie, Schule & Gesellschaft 2019

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1.1.2019

«Die Tage zwischen den Jahren entziehen sich beharrlich der Eile. Der hektische Geist des Alltags scheint für einen kurzen Moment verbannt, die Last der Hast gebannt. Eine gewisse Stille kehrt ein, in dieser temporeduzierten Zeitspanne, eine Art Ruhe, selbst wenn sie nur vorläufig und vielleicht vordergründig ist. Es ist so etwas wie die Rückkehr in die Kindheit, eine Zeit, in der die Zeit nicht zählte, weil man die Uhr noch nicht lesen konnte.» (Das andere Wort für Wiederholung: Wiederfindung, Carl Bossard), JOURNAL21, 29.12.2018)

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, einen guten Start ins neue Jahr!

So beginnen wir auch unsere Anthologie mit einem Blumenstrauss aus erbaulichen Beiträgen:

Wir dürfen die Neuerscheinung der Broschüre Einspruch! 2 ankündigen und Sie auf aktuelle Veranstaltungen hinweisen, besonders natürlich auf unsere erste vom Freitag, 25. Januar 2019, 19.00 Uhr im Hof zu Wil. Prof. Mario Andreotti referiert zum Thema: Bildungspolitik auf dem Holzweg? Von Herrn Andreotti können wir hier einen klärenden Artikel zur Rechtschreibung lesen: Dürfen Kinder fehlerhaft schreiben?

Wir freuen uns auch speziell, dass unser letzter Referent, René Walcher, seinen eindrücklichen Vortrag Vom Regisseur zum Coach – Warum viele Schulreformen schlecht funktionieren auf youtube allen zur Verfügung stellt.

Unser Motto zum Jahreswechsel ist aus dem Beitrag von Carl Bossard Das andere Wort für Wiederholung: Wiederfindung. Er beschreibt immer wieder ergreifend klar, worum es im Leben wie auch in der Schule geht.

Die NZZ greift brisante pädagogische Themen auf: Lehrkräfte im Korsett der Lehrmittel oder Worin besteht eine gute Erziehung? Und wenn die Zürcher übers Ziel hinausschiessen, holt sie Urs Kalberer in seinem Schulblog wieder auf den Boden.

Es ist auch immer eine Freude, die Zeitung des Lehrervereins Baselland zu lesen, besonders die Artikel von ihrem Präsidenten Roger von Wartburg aktuell auch zum Thema Rechtschreibung.

Wir schätzen natürlich auch immer Neues aus Bildung und Wissenschaft wenn es Hand und Fuss hat, Handschreiben ist ein ganzheitlicher Lernprozess beispielsweise.

Und am meisten freuen wir uns über all die Mitdenkerinnen und Mitarbeiter, die uns unterstützen, damit wir weiterhin dran bleiben können. Vielen Dank dafür.

Freundliche Grüsse

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 0_19


16.12.2018

«Aus der Sicht der Entwicklungs- und Lernpsychologie war die Einführung der «Integrierten Schule» wohl einer der ganz grossen Fehlentscheide in der Geschichte der Schulreformen. Ihn schrittweise zu korrigieren, wäre in mancher Hinsicht eine Wohltat für viele und würde es mittelfristig allen direkt oder indirekt Beteiligten ermöglichen, ihre Kräfte zu bündeln für das Überleben der nächsten Flops, die schon in der bildungspolitischen Pipeline stecken, nämlich der Folgen (samt Kosten) der Einführung des Lehrplans 21 sowie der «digitalen Transformation» der Schule, die sich schleichend anbahnt.» (Wiedereinführung der Einführungsklassen in Basel, Gerhard Steiner, Basel, em. Prof. für Psychologie (Entwicklung und Lernen), BZ 21.11.2018)

Liebe Leserinnen und Leser

Die erste Abstimmungskaskade zur Schulreformpolitik in der Schweiz ist zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Jetzt sind die Verantwortlichen gefordert, ihre Versprechungen wahr zu machen.

Dabei sind die Vorgaben der Reformer bedenklich – besonders, weil es um das Wohl unserer Kinder geht.

Prof. Gerhard Steiner umschreibt dazu kurz und treffend, was die Eltern bei den Abstimmungen nicht wussten. Dr. Carl Bossard erklärt: Private ICT-Firmen und internationale Technologiekonzerne drängen in die öffentliche Bildung. Natürlich hält er diesen entgegen, was das für die Kinder bedeutet und was beim Kampf um die Köpfe der Kinder im Klassenzimmer entscheidend ist. Und sogar der Doyen der Reformer Prof. Rolf Dubs meint im Tagblatt zur Digitalisierung: Die Pädagogik muss an erster Stelle stehen.

Erste Ansätze zu Korrekturen der dilettantischen Reformen sind im Kanton St.Gallen unüberhörbar: ‹Schreiben nach Gehör› gehört abgeschafft, finden immerhin 50 Kantonsrätinnen und Kantonsräte in einer Interpellation. Wir können nun auf die ‚trümmlige‘ Antwort der St.Galler Bildungsaristokratie warten, die alles wieder in Nebelschwaden hüllen wird. Dabei ist gerade die Reichenmethode reformtypisch: dem Kind wird die Verantwortung für seine Entwicklung angelastet. Das System selektioniert dann später skrupellos. Michael Schoenenberger hat dazu in der NZZ richtig geschrieben: Kinder haben ein Recht auf korrekte Schulung. Und Yannick Nock folgert im Tagblatt ebenso klar: Eigentlich müssten sich die Verfechter dieser unseligen Methode bei einer ganzen Schülergeneration entschuldigen.

Das Erziehungsdepartement Basel-Stadt macht eine erste substantielle Korrektur mit der Wiedereinführung der Einführungsklassen. Diese Vorreiter der integrierten Schule leiten nun doch als erste die Kehrtwende ein.

Für Pädagogen seien speziell auch folgende Artikel empfohlen: Einheitslehrmittel gefährden Methodenfreiheit von Urs Kalberer und Im Würgegriff von LEHRPLAN 21 – Sechs Thesen zur Optimierung der Ausbildung von Prof. Gerhard Steiner.

Willkommen im konstruktivistischen Wunderland, persifliert Urs Kalberer auf seinem Blog zu Recht, angesichts der blauäugigen Naivität einzelner Reformpropagandisten und der entsprechenden wortreichen Hochglanzbroschüren. Ein kurzer Leserbrief in der NZZ von Susi Natsch bringt das Problem auf den Punkt: Wir haben unser gutes Bildungssystem auf den Kopf gestellt. Absurd! Wer hat Mut und Wille, es wieder auf die Füsse zu stellen? In dieser Logik ist es nicht weit zur Feststellung von Silvio Borner in der Weltwoche: Die Elite verdirbt ihren Nachwuchs: Management-Kaderschmieden verlegen sich zunehmend auf Emotionen und Werturteile. Wie die Universität St. Gallen ihren Ruf als führende Wirtschaftsuniversität der Schweiz verspielt. 

Zum Abschluss dieser beeindruckenden Analysen und Stellungnahmen für Interessierte: ein spezieller Artikel aus der Schweizerischen Ärztezeitung von Prof. Jürg Barben: Cannabis-Legalisierung – wer profitiert davon?

Übrigens: Merken Sie sich die Daten der interessanten Veranstaltungen zu Beginn des neuen Jahres. Prof. Mario Andreotti eröffnet den Reigen am 25. Januar in Wil mit: Bildungspolitik auf dem Holzweg.

Wir wünschen Ihnen eine stärkende Lektüre und dann bald frohe Festtage.

Freundliche Grüsse

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 50_18


Newsletter vom 9.12.2018

Ermutigender Einspruch

Gegen Ende Jahr ist es üblich, Bilanz zu ziehen. Ja, was hat sich denn in der Schweizer Bildungspolitik im vergangenen Jahr an Wesentlichem ereignet? Zufrieden werden die Bildungspolitiker darauf hinweisen, dass sie den neuen Lehrplan ohne weitere Gegenwehr überall einführen können und die Harmonisierung der Bildung auf guten Wegen ist. Darüber hinaus ist man stolz, dass mit dem neuen Lehrplan ein verbindliches Steuerungsinstrument geschaffen wurde. Nun kann der Kurs der Schule klar bestimmt werden und der Erfolg scheint garantiert. Die Erziehungsdirektoren sind überzeugt, dass sie ihre bildungspolitischen Hausaufgaben gelöst haben und deshalb die Deutschschweizer EDK auflösen können.

Doch ein Blick in die Schulstuben zeigt, dass die heissen Eisen der Bildungspolitik überhaupt nicht angefasst wurden. Der Mangel an Lehrern (bewusst männliche Form) an der Volksschule spitzt sich dramatisch zu. Bei der leidigen Frage der schulischen Integration schwieriger Schüler in die Regelklassen ist man keinen Schritt weitergekommen und die Verunsicherung über die Rolle der Lehrkräfte hat ein für die Schule schädliches Mass erreicht. Passend zur Gesamtsituation sind die heftigen Auseinandersetzungen über den kleinkarierten Berufsauftrag im Kanton Zürich.

Für Aussenstehende ist eine Beurteilung des Zustands unserer Volksschule äusserst schwierig. Läuft es nun wie geschmiert oder ist im Gegenteil sehr viel Sand im Getriebe?

Bei den Erziehungsdirektionen glaubt man, die richtigen Massnahmen eingeleitet zu haben, um die Lernprozesse bis ins Detail optimieren zu können. Die aktuelle Zauberformel heisst Individualisieren durch Digitalisierung. Schulen werden flächendeckend mit Tablets ausgerüstet und gleichzeitig wird verkündet, dass man dank wissenschaftlich begründeter Lernkonzepte die hoch gesteckten Bildungsziele erreichen werde. Das kommt bei vielen Eltern gut an. Bildung ist plan- und kontrollierbar. Lehrerinnen und Lehrer wird dabei die Aufgabe zugewiesen, die Programme umzusetzen und die Schüler zu begleiten.

Doch von Lehrerseite kommt zu Recht Einspruch. Pädagogik umfasst viel mehr als das Ausführen von vorgegebenen Lernschritten. Wer den Lehrerberuf so technokratisch auffasst, ist auf dem Holzweg. Es fehlt das «feu sacré», die innere Berufung, um als Botschafter der Bildung junge Menschen abholen zu können. Lange Zeit galt das Wort «Berufung» in der modernen Pädagogik als suspekt, doch die Praxis zeigt, dass genau diese Leidenschaft für den Beruf die erfolgreiche Lehrerin und den überzeugenden Lehrer ausmacht.

Unser erster Beitrag von Carl Bossard stellt das innere Feuer der Lehrpersonen ins Zentrum. Er weist auf einen bekannten Fussballtrainer hin, der mit grosser Motivationskraft sein Team zum Erfolg führt. Der zweite Beitrag von Margrit Stamm befasst sich mit dem Planungs- und Optimierungswahn in der Pädagogik. Sie wehrt sich gegen die Vorstellung, das Lernen bei Kindern liesse sich beliebig beschleunigen.

Die Kritik unserer Autoren an den pädagogischen Dogmen unserer Zeit fällt deutlich aus. Unsere Leserbriefschreiber hauen mit brillanten Beiträgen in die gleiche Kerbe. Auch die Irrwege in der Rechtschreibedidaktik werden vertieft diskutiert. Die geballte Ladung an Einsprüchen ist kein schlechtes Zeichen. Die Texte fordern ein entschiedenes Umdenken und machen uns Mut, die pädagogischen Freiheiten wieder neu zu entdecken. Dies stimmt hoffnungsvoll.

Ich wünsche Ihnen im Namen des Redaktionsteams von «Starke Volksschule Zürich» frohe Weihnachten. Der nächste Newsletter wird nach dem Jahreswechsel erscheinen.

Hanspeter Amstutz

Inhalt

  • Ermutigender Einspruch
  • Lucien Favre ist mehr als nur Coach
  • Besser auf die Kinderseele achten
  • Dienst nach Vorschrift?
  • «Der Sinn der Rechtschreibung»
  • Vom Lernen und Korrigieren
  • Kreativität ist wichtiger als Rechtschreibung
  • Bildungssystem auf den Kopf gestellt
  • «Nicht die Eltern sind das Problem»
  • «Berufslehre für den Wohlstand»
  • Pressemitteilung vom Abstimmungssonntag
  • Wacht auf, Schlafmützen!
  • Veranstaltungshinweis
    30.1.2019: Selbsttätiges Lernen, Lernateliers:

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2.12.2018

«Die «digitale Transformation» ist eine weltweite wirtschaftliche IT-Bewegung, ein Vorhaben für Grossunternehmen, KMU und die Verwaltung. Sie trägt zur Dynamisierung von Abläufen, zu deren Planung und Evaluation bei sowie zur Verarbeitung riesiger Datenmengen, wie sie u.a. auch in der Forschung anfallen. Lernen, das Kernstück jeder Ausbildung, braucht aber keine digitale Transformation; denn Lernen ist als Verhaltensweise grundsätzlich nicht-digital. Die Schul-Digitalisierer scheinen mit lernpsychologischer Blindheit geschlagen zu sein; sie versprechen bezüglich Lernerfolg das Blaue vom Himmel und verbreiten hemmungslos Propagandalügen.» (Wer nicht digital lernt, verpasst nichts, Gerhard Steiner, Basel, em. Prof. für Psychologie (Entwicklung und Lernen), 23.11.2018)

Liebe Leserinnen und Leser

Es ist schon seltsam. Die beliebten und sehr gut besuchten Veranstaltungen der Ostschweizer Kinderärzte zum Thema Pädiatrie, Schule & Gesellschaft werden von den Medien boykottiert. (s. Veranstaltungen 2019) Der letzte Vortrag von Prof. Lissmann war überragend klar und deutlich.

Ebenso seltsam ist es, dass der pädagogisch unmögliche Lehrplan 21 auf Biegen und Brechen flächendeckend durchgestiert werden musste, obwohl die erdrückenden Fakten gegen dieses Machwerk offen auf dem Tisch liegen. (s. Nachlese zur Doppelinitiative GR vom 25.11.2018)

Nicht minder düster mutet uns der Kriegsjargon der St.Galler Classe politique unter der Führung des Bildungsdepartementes an, wenn sie uns eine Bildungsoffensive schmackhaft machen wollen, die uns 75 Millionen kosten soll. Wer wird denn hier angegriffen, wenn nicht das steuerzahlende Fussvolk und seine Kinder. Die globalisierte Wirtschaft und ihre Stosstrupps – die Stiftungen – setzen heute nur noch auf IT und globale Kontrolle. Wir und besonders die Kinder sollen die Zeche bezahlen, um ihre privaten Gewinne zu steigern. Wir geben unser Liebstes nicht für diese gefährlichen Experimente her. Im Silicon Valley hat man sich jedenfalls schon eines Besseren besonnen. (s. Beiträge zur Problematik der IT in Kinderhänden und an den Schulen und die Beschreibung der Generation Z) Für diese ist das kompetenzorientierte Lernen etwa das Dümmste, was man ihnen bieten kann.

So kommt man sich in diesem Herbst vor, wie es Hermann Hesse ergangen sein muss – metaphysische Abgründe nicht nur in der wirklichen Natur, sondern besonders auch an der Bildungsfront, um es einmal in der Sprache der Erziehungsdirektion auszudrücken.

„Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.“

Aber wir sind nicht einsam. Da ist neben Konrad Paul Liessmann ein Carl Bossard oder ein Gerhard Steiner, die wieder einmal die Pädagogik, die Lernpsychologie, das Denken überhaupt auf die Füsse stellen und da sind viele Bündner Stimmen, die alle „Schulreform“-Probleme glasklar benennen und Alternativen aufzeigen.

Wir wünschen einen besinnlichen Advent und grüssen freundlich

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 48_18


Newsletter vom 25.11.2018
Gestern Abend (21. November) lauschten etwa 150 Zuhörer an der Fachhochschule St. Gallen gebannt dem fulminanten Referat von Professor Konrad Paul Liessmann aus Wien zum Thema «Was ist Bildung?» Eigentlich kann seine Rede nicht zusammengefasst werden, denn er machte mit seiner Redekunst die Tatsache lebendig, dass der Mensch erst durch Erziehung und Bildung zum Kulturwesen wird. Sogenannte «Lesekompetenz» zu erwerben, um Fakten googeln zu können, ist keine Bildung, so der Referent. Lesen lernen will das Kind aus Neugier, weil es die spannenden Geschichten, die ihm die Eltern oder die Lehrerin erzählt, selbst lesen lernen will. Werteerziehung gehört entscheidend zur Bildung des Menschen als soziales Wesen: Schulung von Verantwortungsgefühl und moralischer Urteilskraft kann durch keinen Computer vermittelt werden. Aber auch ästhetische Bildung, die dem Kind neue Vorstellungs- und Denkwelten eröffnet, ist unverzichtbar. Mit der Kompetenzorientierung wird jedes Handeln in Einzelteile zerfleddert, damit verweigern wir der Jugend all das, was das Leben reichhaltig macht. Wo es um etwas anderes als ums Zählen (digital von digitus, lat., Finger) oder ums Googeln von Fakten (ohne deren inhaltliche und moralische Beurteilung) geht, genügen digitale Geräte nicht.
Um die Frage der digitalisierten Schule dreht sich ein rechter Teil der Texte im vorliegenden Newsletter. Während die Produzenten von Hard- und Software im Silicon Valley für ihre Kinder bildschirmfreie Schulen wollen, «springen» Swisscom und IBM laut Blick «als Lehrer ein», das heisst, sie führen Elternabende und Kurse für Schüler und Lehrer durch. Da geht’s ums Geschäft, allenfalls noch um technische Einführung, aber bestimmt nicht um «Bildung». Auch nicht um die Frage, welche Schule dem Wohl des Kindes entspricht – denn die dafür zuständigen Fachleute, die Lehrer und Lehrerinnen werden durch Techniker ersetzt (die erst noch zusätzliche Kosten verursachen!).
Und ’s Tüpfli uf em i: Die gesamte Umwälzung unserer Schule durch Digitalisierung, Kompetenzorientierung und selbstorganisiertes Lernen kann dem gar nicht gerecht werden, was sie vorgibt, nämlich die «Kinder auf die Zukunft vorzubereiten». Dies, so Konrad Liessmann, ist nicht Aufgabe der Schule – wer von uns wurde denn in seiner Schulzeit auf die Welt von heute vorbereitet? Vielmehr hat die Schule, also die Lehrerin und der Lehrer, den Kindern die Kulturtechniken zu vermitteln, ihr Interesse an der Welt und ihre Kreativität zu wecken und ihnen den Weg zum verantwortungsbewussten und gemeinschaftsfähigen Erwachsenen aufzuzeigen.
Schliessen will ich mit dem Beginn des Newsletters, dem Plädoyer Carl Bossards für die Erhaltung von Schulreisen und -lager als Erlebnisse besonderer Art für die Jugend. Dazu fällt mir mein letzter Schulausflug mit einer Klasse von Elektropraktiker-Lehrlingen, fünfzehn jungen Männern, ein. Nach einem Schul-Skitag auf der Lenzerheide ass ich mit ihnen in einem Churer Hotel, wo wir auch übernachteten, zu Abend. Nach dem gemeinsamen Frühstück – alle sassen punkt halb acht am Tisch – führte uns der Redaktor des Radio Rumantsch, ein früherer Lehrerkollege, durch diese kleine, sehr persönliche und eindrückliche Einrichtung. Auch die Znünipause verbrachten wir auf einstimmigen Wunsch der Schüler gemeinsam. Nachmittags fuhren wir zu einer Besichtigung der Ems Chemie.
Während die meisten meiner Lehrerkollegen mit ihren Abschlussklassen nach London, Prag oder Barcelona flogen, verbrachten meine Elektropraktiker und ich einen einzigen Tag zusammen, ohne «Action». Einige Monate später, beim Abschied am letzten Schultag, sagte ein Schüler, der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammte, zu mir: «Wissen Sie, was das Schönste war? Unsere Klassenreise im Bündnerland.» Was sonst soll die Schule «bieten»?
Für die Redaktion «Starke Volksschule Zürich»
Marianne Wüthrich

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18.12.2018

«Die Umsetzung des LP21 erfolgt unter viel Druck und Kontrolle. Wer nicht spurt, wird gemobbt, vor die Erziehungsdirektion zitiert oder auf Teilpensum gesetzt. … Das führt u. a. dazu, dass inskünftig immer öfter die falschen Leute den Lehrberuf ergreifen: Anpasser, «Jobber», die gerne ausführen, was andere für sie vorbereitet haben oder was ihnen die Computerprogramme an Denkarbeit abnehmen. Hochqualifizierte und originelle Bewerber wird man vergeblich suchen. So werden den Lernenden kompetente Bezugspersonen fehlen.

Das alternative, vielgelobte selbstorganisierte Lernen (SOL) ist ein Flop: ineffizient bezüglich Korrektheit und Vollständigkeit der Lernresultate und eine unglaubliche Verschwendung der kostbaren Lernzeit. … Schliesslich schafft der LP21 eine pädagogische Monokultur, die jegliche pädagogische Vielfalt bei den Unterrichtenden zum Aussterben bringt.» (Die EDK stiehlt sich aus der Verantwortung, Gerhard Steiner, Basel, em. Prof. für Psychologie (Entwicklung und Lernen), NZZ, 12.11.2018)

Geschätzte Leserinnen und Leser

Die beeindruckenden und überzeugenden Stellungnahmen von erfahrenen und mutigen Pädagogen, Psychologen sowie von betroffenen Lehrerinnen, Lehrern und Eltern gehen zu Herzen.

Gerhard Steiner, Basel
Mario Andreotti, St. Gallen
René Walcher, Will
Michael Fitzi, Staad
Carl Bossard, Stans
Hanspeter Amstutz, Fehraltorf
Gisela Liebe, Wil
Felix Schmutz, Basel
Rudolf Richner, Zürich
und viele, viele mehr benennen Ross und Reiter.

Der Chor der Rufer wird stärker und stärker – unüberhörbar.

Gion und Fadri und die ganze Bündner Crew machen es uns vor – unbeirrbar, klar und frohgemut. Wir kämpfen für unsere Kinder.

In diesem Sinne wünschen wir einen schönen Sonntag!

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 46_18

 


3.11.2018

«Kinder haben ein Recht auf korrekte Schulung»

«Endlich wächst auch bei Trägern der politischen Verantwortung der Widerstand gegen die Lernmethode «Schreiben nach Gehör». Solche reformpädagogischen Ideen gehören in die Mottenkiste. Der Lehrplan 21 muss überarbeitet werden.» (Michael Schoenenberger, NZZ, 30.10.2018)

«Die «New York Times» wittert einen neuen digitalen Graben»
«In der Schweiz werden Schulen mit Tablets aufgerüstet und Programmierunterricht ab der 1. Klasse gefordert. In den USA schwingt das Pendel neuerdings in die andere Richtung: Gut situierte Familien schicken ihre Kinder in bildschirmfreie Schulen.»
(Patrik Müller, az, 31.10.2018)

Liebe Leserinnen und Leser

Es ist unerhört, was die Medien diese Woche über die alarmierenden Reformen an unseren Schulen berichten. Als Kontrapunkt dazu gibt es aber auch schöne Beispiele von Zivilcourage und überzeugender Argumentation für eine gute Schule.
„Lehrplan 21 – erste Kantone buchstabieren zurück“
„Mit der Einführung des Lehrplans 21 wurde eben erst begonnen und schon zeigt sich, dass gewisse Reformelemente wegen ihrer ideologischen Fundierung den Praxistest nicht bestehen werden. Die ersten Kantone haben bereits begonnen, Korrekturen vorzunehmen: Der Kanton Nidwalden verzichtet auf das „Schreiben nach Gehör“ und kehrt zur Rechtsschreibung zurück. Der Kanton Basel-Landschaft führt die Lehrmittelfreiheit wieder ein, nachdem die praxisuntauglichen LP21-kompatiblen Lehrmittel zu einem teuren Eklat geführt haben. Die „bestechende Idee“ mit den Schulinseln dürften die Rückkehr zur bewährten Kleinklasse einläuten…“ (Peter Aebersold, Schule Schweiz, 31. Oktober 2018)

Weil die Themen so reichhaltig und vielseitig sind, hier eine kurz Übersicht mit den Titeln zur einfacheren Orientierung:
Analysen/Standtpunkte
Was Graubünden von Schwedens Schulen lernen kann
Bildung braucht ‚scholé‘
Abstimmung Graubünden/EDK/LP21
Bürokratie statt Wissen
Höchste Zeit für eine Denkpause
Klassenzimmer hat noch lange nicht ausgedient
EDK ist und bleibt ein Unding!
Die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz wird per Ende 2018 aufgelöst.
Methodenfreiheit/Basel
Recht auf Methodenfreiheit kann nicht mehr wahrgenommen werden
Medienmitteilung: Bildungsrat empfiehlt Lehrmittelfreiheit
Zur Positionierung des LVB in der Fremdsprachen- und Lehrmitteldebatte
Starke Schule befürwortet „echte“ Lehrmittelfreiheit
Rechtschreibung
In Nidwalden ist der «schbas» vorbei
Schreiben nach Gehör: Rechtschreibestreit erreicht Bern
Rechtschreibestreit: Frühe Fehler, späte Einsicht
Kinder haben ein Recht auf korrekte Schulung
Integration
Eine Insel für Verhaltensauffällige
Den wahren Preis akzeptieren
Digitalisierung
Menschen statt Computer – die verblüffende Trendwende an Schulen im Silicon Valley
Schüler werden besser, wenn man Smartphones verbietet
Digitalisierung und Kindergehirn, Erkenntnisse der Neurobiologie
Dieser Mist verdirbt uns alle!
Schöne neue Kinderwelt
Mehr Nonkonformität nützt uns allen
Die Kinder werden zu überangepassten Wesen
Kaum im Kindergarten, schon in Therapie

Gönnen Sie sich doch den einen oder anderen Artikel oder auch die eine oder andere Veranstaltung. Es lohnt sich wirklich, sich vertieft mit den Themen auseinanderzusetzen.

Mit freundlichen Grüssen

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 44_18

 


21.10.2018

«Wer zurückdenkt an seine eigene Schulzeit, weiss, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Person wirken, mit ihrer Leidenschaft zur Sache, mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem Humor, mit ihrem Ermutigen und geduldigen Erklären. So etwas kommt aus der glaubhaften, originellen Person, nicht aus Kompetenzen.» (Carl Bossard, Journal21, 18.10.2018)

Einen schönen Sonntag, geschätzte Leserinnen und Leser

Die Volksschule wird an die Wand gefahren, das Rückgrat des Unterrichts, die Lehrerpersönlichkeit, gebrochen: ein Drittel der Lehrkräfte lebt zwar illusionistisch in der besten aller Welten, ein anderes Drittel wurstelt sich „Ganz einfach: Pragmatisch“ durch und das letzte Drittel ist nach wie vor burnoutgefährdet. Die Halbwertszeit eines Lehrers beträgt fünf Jahre: Nachdem Lehrerinnen und Lehrer ein mehrjähriges Studium absolviert haben, gibt die Hälfte von ihnen den Schuldienst nach fünf Jahren wieder auf. Was heisst das für die Kinder? Wie lange wollen wir uns diesen Leerlauf auch als Steuerzahler noch leisten?

Sogar Hans Zbinden, einer der entscheidenden Drahtzieher der abenteuerlichen Reformen, schreibt: „In all dieser wachsenden Unübersichtlichkeit, Widersprüchlichkeit und Hektik müssen sich Kinder immer mehr wie in einem schulischen Irrgarten vorkommen. Sie verlieren den orientierenden Faden. Vor allem aber bekunden sie Mühe, in diesem Gewusel noch tragende und verlässliche Lernbeziehungen aufzubauen.“ (Aargauer Zeitung, 17.10.2018) Seine Rezepte sind allerdings heute noch „Realsatire in Reinkultur!“, wie Urs Kalberer schreibt.

„Lasst uns in Ruhe arbeiten!“ (Alain Pichard, Schulinfo Zug, 30.09.2018)
„Wir dürfen uns doch unsere wunderbare Arbeit mit den Kindern von bildungsfernen Bürokraten nicht vermiesen lassen!“ (Ein Primarlehrer berichtet, 13.10.2018)
Diese Weckrufe dürfen nicht ungehört verklingen.

Die Bündner machen es uns vor. Wir unterstützen sie nach besten Kräften und wünschen ihnen viel Erfolg.

Beachten Sie die interessanten Veranstaltungen der nächsten Woche.

Mit freundlichen Grüssen

Starke Volksschule St. Gallen

Medienspiegel Woche 42_18

 

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